Andacht Heute

Lob für das Unauffällige

Gott ist es, von dem alles kommt, durch den alles besteht und in dem alles sein Ziel hat. Ihm gebührt die Ehre für immer und ewig. Amen.
Römer 11,36

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) war ein Dichter, der mit Jubel die Schönheit der Natur beschrieb, die für ihn Mittler zwischen Mensch und Gott war. Dabei hatte er gerade auch einen Blick für das Unscheinbare, wie er es in seinem Gedicht „Die kleine Fliege“ beschreibt. Auch in „Die Heide“ sah er das Wirken Gottes in der norddeutschen Landschaft zu einer Jahreszeit, da sie nicht mehr in voller Blüte steht:

Es zeigt so gar die dürre Heide,
Zu unsrer nicht geringen Freude,
Wenn man sie recht genau betracht,
Des großen Schöpfers Wunder-Macht.

Wenn ich an diesen grauen letzten Novembertagen aus dem Fenster schaue, erscheint mir die Landschaft nach einem prächtigen Sommer und einem goldenen Herbst wie ein abdekorierter Festsaal. Jetzt ist es da draußen feucht, nebelverhangen und kalt. Die Natur ist eher abweisend und hat scheinbar nichts zu bieten, worüber man sich freuen könnte. Aber Gott hat auch diese stille Zeit vor dem Weihnachtsfest für uns geschaffen, damit wir zur Ruhe kommen und ihm für das Unscheinbare in der Natur und in unserem Leben danken können.

Hilfe gegen permanente Schuldgefühle

Aber was mich betrifft, ist es egal, ob ich von euch oder irgendeinem menschlichen Gericht beurteilt werde. Ich beurteile mich ja nicht einmal selbst. Zwar bin ich mir keiner Schuld bewusst, aber dadurch bin ich noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der über mich urteilt.
1. Korinther 4,3-4

    Paulus hatte bei den Korinthern keinen leichten Stand. Es gab Leute unter ihnen, die ihn nicht nur kritisierten, sondern sogar verachteten. Dennoch war er gegenüber solchen Angriffen bemerkenswert resilient, wie man heute gerne sagt. Übertragen auf die menschliche Psyche bezeichnet Resilienz die Fähigkeit, belastende Lebensumstände zu meistern und mit negativen Ereignissen gut umgehen zu können. Paulus wusste, dass alle Urteile über ihn nichts bedeuten. Am Ende zählt nur das Urteil des Herrn. Interessanterweise misstraute er auch seinen eigenen Urteilen über sich selbst.

    Das kann ein Trost sein für alle, die gerne hart mit sich ins Gericht gehen und sich ständig mit Schuldgefühlen quälen. Helfen kann mir allein schon die Erkenntnis, dass nicht nur ich ein Sünder bin, wir alle sind es. Und wir alle sind auf die Gnade Gottes angewiesen. Ich spreche hier nicht von Taten, bei denen andere für alle sichtbar verletzt wurden. Da geht es natürlich um Wiedergutmachung, zumindest in Form einer Entschuldigung. Ich denke eher an das Gegenteil von Resilienz, nämlich an eine permanente Empfindlichkeit im Alltag, weil wir ständig befürchten, von anderen negativ beurteilt zu werden. Nach einem festlichen Abend kommen einem vielleicht Gedanken wie diese: War ich für diesen Anlass angemessen gekleidet? Habe ich dem Kellner genug Trinkgeld gegeben? Habe ich etwas Falsches gesagt, weil mein Gesprächspartner plötzlich so kurz angebunden war? Die Sensiblen unter uns kennen das. Was können wir gegen diese Neigung tun, ständig nach Schuld zu suchen und sich selbst das Leben schwer zu machen? Werden wir widerstandsfähiger gegen das, was andere über uns denken. Und halten wir es vor allem mit dem Apostel Paulus: Überlassen wir das Urteilen über uns ganz allein dem Herrn.

    Gedanken über das Wie des Verstehens

    Im Leben eines Menschen wird es hell, wenn er anfängt, dein Wort zu verstehen. Wer bisher gedankenlos durchs Leben ging, der wird jetzt klug.
    Psalm 119,130

    „In den allermeisten Ausbildungsstätten legt man großen Wert darauf, dass man sich Rechenschaft darüber gibt, auf welcher Grundlage exegetische Aussagen getroffen werden und dass diese sachlich und sprachlich nachvollziehbar sind. Auch wenn der Gesprächspartner zu anderen Schlüssen kommen mag, sollte er die Textauslegung verstehen können.“

    Diese Sätze stammen aus einer Buchbesprechung von Prof. Dr. Volker Gäckle. Er ist Theologe, Pfarrer und Rektor der Internationalen Hochschule Liebenzell. Es geht ihm in diesem Zitat um die Exegese, genauer: um die Reflexion der Methoden, mit der man sich den biblischen Text erschließt. Davon gibt es eine ganze Reihe: Die kanonische Bibelauslegung geht textzentriert vor und versucht, den Zusammenhang mit anderen Bibelstellen zu ergründen. Die historisch-kritische Exegese, die den Blick auf die Entstehungssituation, die damalige Kultur, die Überlieferung und Bearbeitung richtet. Es gibt auch die feministische, die befreiungstheologische und die tiefenpsychologische Exegese, bei denen aber dem Text einseitig eine Ideologie übergestülpt wird.

    Ich denke, wir alle, die wir uns mit dem Text der Bibel beschäftigen, sollten uns die von Volker Gäckle beschriebene Haltung der Selbstreflexion zu eigen machen, nicht nur, weil sie für das eigene Studium hilfreich ist, sondern auch, weil sie den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen kann, all denen, die uns gerne als Biblizisten, als verbohrte, bibeltreue Fundamentalisten bezeichnen. Über unserer Bibelauslegung muss aber in jedem Fall stehen, dass wir es hier mit Gottes Wort an uns zu tun haben und dass wir unser Leben an seinen Mitteilungen ausrichten sollen.