Andacht Heute

Hybris – schon wieder so ein Fremdwort

Hochmut kommt vor dem Fall
Sprüche 16,18

Der Begriff „Hybris“ klingt bildungssprachlich kommt heute im politischen und gesellschaftlichen Dialog dann vor, wenn von Selbstüberschätzung und Hochmut die Rede ist. In der griechischen Tragödie wurde sie als Auslöser für das Scheitern vieler Helden verwendet, die in ihrer Überheblichkeit die göttlichen Befehle und Gesetze ignorierten (Wikipedia). Sie führt zur Bestrafung durch die Götter. Es ist unübersehbar, dass im ursprünglichen, antiken Sinn mit Hybris immer eine Tat bezeichnet wurde, sei es rohe Gewalt oder frevelhaftes Verhalten. Dagegen wird heute eher eine innere Haltung charakterisiert, wenn sich jemand überschätzt und sich für unfehlbar hält.

Hybris ist nicht nur ein Problem der Mächtigen oder der Bühne großer Politik. Sie beginnt Immer dort, wo Menschen meinen, alles selbst im Griff zu haben, keine Korrektur mehr zu brauchen und sich nicht mehr infrage stellen zu lassen. Die Versuchung zur Selbstüberschätzung gehört offenbar tief zum Menschen. Das Thema kommt auch häufig in der Bibel vor, wie im sprichwörtlich gewordenen „Hochmut kommt vor dem Fall“. Wer die eigenen Grenzen nicht mehr wahrnimmt, verliert den Blick für die Wirklichkeit. Und das bleibt nicht ohne Folgen. Wer nur noch auf die eigene Stärke vertraut, wird blind für andere Menschen – und schließlich auch blind für Gott.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Gefahr der Hybris: Der Mensch setzt sich selbst an die Mitte der Welt. Er glaubt, unabhängig zu sein, niemandem Rechenschaft schuldig und letztlich selbst Maßstab für Gut und Böse. Die Bibel erzählt dagegen immer wieder von Menschen, die gerade im Anerkennen ihrer Begrenztheit Weisheit finden. Nicht Selbstüberschätzung macht den Menschen groß, sondern Demut. Nicht die Behauptung der eigenen Unfehlbarkeit, sondern die Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen. Der HERR bewahre uns vor allem Hochmut, der uns blind macht für seinen Willen.

Gegen die Verdunkelung

„Habt nichts gemein mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.“
Epheser 5,11

Wir leben in einer Zeit, in der vieles, was einmal klar war, verschwimmt. Worte verlieren ihre Bedeutung, Grenzen werden relativiert, und selbst der Glaube an Gott wird oft behandelt, als sei es nur eine Option unter vielen. Diese Entwicklung geschieht selten laut. Sie kommt leise, schleichend, fast unmerklich – und gerade darin liegt ihre Gefahr. Das Wirken des Bösen ist heute nicht spektakulär, nicht dramatisch, nicht offensichtlich. Es tritt nicht mit Gewalt auf, sondern mit Täuschung. Es arbeitet mit Verwirrung der Begriffe, mit der Verfälschung des Guten, mit einer scheinbaren Harmlosigkeit, die gerade deshalb so wirksam ist. Es erscheint – wie die Schrift sagt – „wie ein Engel des Lichts“.

Und auch die Kirchen sind davor nicht geschützt. Wenn sie sich zu sehr dem Zeitgeist anpassen, wenn aus Angst vor Ablehnung die Wahrheit verschwiegen wird, dann öffnen sie selbst die Türen für diese Verdunkelung. Das klare Benennen dieser Gefahr ist kein Pessimismus. Es ist ein Akt der Hoffnung. Denn nur, was ans Licht kommt, kann geheilt werden. Christus selbst sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Nicht wir müssen das Licht erzeugen – aber wir müssen die Schleier erkennen, die es verdunkeln.

Demut statt Generationskritik

Ebenso ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter; ihr alle sollt euch gegenseitig unterordnen und mit Demut bekleiden! Denn „Gott widersteht den Hochmütigen; den Demütigen aber gibt er Gnade“.
1. Petrus 5,5

    Ältere Menschen könnten solche Verse mit einer gewissen Genugtuung lesen. Endlich werden darin auch einmal die Jüngeren ermahnt, das Alter zu ehren. Die Kritik am Verhalten der Jüngeren ist nicht neu. Schon Sokrates (470–399 v. Chr.) sprach dieses Übel an: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

    In 1. Petrus 5,5 geht es jedoch nicht um „Jugendliche”, sondern um Menschen ohne Leitungsfunktion und mit weniger Erfahrung. Mit Alter hat das also nichts zu tun. Es geht vielmehr um Gemeindeordnung, die es gilt aufrecht zu halten. Aber gleich im Folgenden wird diese Aufforderung eingeschränkt: Alle sollen miteinander Demut walten lassen. Keiner sollte seine Autorität missbrauchen, um sich über andere zu erheben – auch die Ältesten nicht. Es geht nicht darum, immer Recht zu behalten. Die Ordnung in den christlichen Gemeinschaften sollte bewahrt werden, aber nicht um jeden Preis. Wer zu bestimmen hat, sollte dies tun dürfen, ohne gleich bei Meinungsunterschieden von Leuten, die keine Verantwortung tragen müssen, angegriffen zu werden. Wichtig ist jedoch, dass gerade in schwierigen Fällen Entscheidungen nicht einfach angeordnet, sondern auch begründet werden. Selbstherrliches, hochmütiges Verhalten fordert Rebellion heraus. Demut, vor allem gegenüber dem Willen Gottes, ist für uns alle geboten.