Andacht Heute

Die Sehnsucht des Menschen

Nahe ist der Herr allen, die ihn anrufen, allen, die ihn aufrichtig anrufen.
Psalm 145,18

Von Joseph Freiherr von Eichendorff (1788–1857) stammt eines der schönsten Gedichte, die jemals geschrieben wurden:

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Der Dichter gilt als Vollender der Romantik, die sich mit der menschlichen Sehnsucht beschäftigte. Eichendorff zeigte die vielleicht schlichteste und schönste Form der Sehnsucht, die bei ihm kein Drängen, kein Grübeln und kein ekstatisches Suchen ist. Sie ist ein leises Heimwärts, das in jedem Windhauch, jedem Abendlicht, jedem Lied spürbar wird. Für den tief gläubigen Eichendorff ist Sehnsucht die Gewissheit: Gott ist schon da – und ich darf heimkommen.

Für uns heißt das: Sehnsucht ist kein Fehler, sondern ein Geschenk. Sie zeigt uns, dass wir mehr erwarten dürfen, als die Welt geben kann. Sie macht uns wach für Gottes Stimme. Und sie führt uns heim – nicht erst am Ende, sondern schon jetzt, mitten im Alltag.

Das Erkennungsmerkmal der Einheit: Liebe und Friede

Ich gebe euch jetzt ein neues Gebot: Liebt einander! So wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr euch auch untereinander lieben. An eurer Liebe zueinander wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid.
Johannes 13,34-35

Die Einheit der Gemeinde, um die Jesus betete, zeigt sich in sichtbaren Charaktermerkmalen: In Liebe untereinander und innerem Frieden. Jeder kann dem wohl zustimmen, jedoch wird erst die Praxis zeigen, ob wir auch entsprechend handeln. Stellen wir uns vor, zwei Mitarbeiter einer Gemeinde geraten über eine Entscheidung in Streit. Normalerweise, weltlich gedacht, sind die Folgen: Stille Kränkung, Rückzug und Lagerbildung. Ein christliches Zeichen der Einheit wäre es, wenn beide sagen: „Komm, lass uns beten, bevor wir weiterreden.” Weil sie ihren Konflikt Gott übergeben, sind sie bereit, einander zuzuhören. Es geht ihnen dann nicht mehr darum, sich durchzusetzen, sondern um das Wohl der Gemeinde. Liebe bedeutet dann, den anderen ernst zu nehmen, auch wenn man ihn nicht immer versteht. Wenn man sich nicht von den Emotionen treiben lässt, kehrt Frieden ein. Und Einheit ergibt sich, wenn sich beide am Ende sagen: „Wir bleiben Geschwister, auch wenn wir nicht einer Meinung sind.”

Gebet
Herr Jesus Christus, du hast für die Einheit deiner Gemeinde gebetet. Nicht für eine Einheit aus Worten, sondern für eine Einheit, die man sehen kann: in Liebe, im Zuhören, im Frieden, den du schenkst. Mach uns zu Menschen, die Frieden stiften. Erfülle uns mit deinem Geist, damit deine Liebe unter uns sichtbar wird und dein Friede unsere Herzen bewahrt. Amen.

Was Jesus wirklich wichtig war

Sie alle sollen eins sein, genauso wie du, Vater, mit mir eins bist.
Johannes 17,21

In seinem Abschiedsgebet in Johannes 17 hat Jesus eine der tiefsten Sehnsüchte für seine Nachfolger formuliert: Sie sollen eins sein, so wie er und der Vater eins sind. Diese Einheit sollte das sichtbare Markenzeichen der weltweiten Gemeinschaft aller Gläubigen sein – eine Einheit, die über Konfessionsgrenzen hinweg den Leib Christi bildet. Wenn man sich heute die Webseiten und Aushänge vieler Gemeinden anschaut, sieht man oft das Gegenteil: Detaillierte dogmatische Lehrpunkte dienen primär dazu, sich von anderen christlichen Gruppen abzugrenzen. Statt Brücken zu bauen, errichten wir Mauern aus Definitionen.

Dieser Widerspruch führt uns zu einer radikalen Selbstprüfung: Haben wir den Wunsch Jesu durch ein System theologischer Kontrollen ersetzt? Wir als Nachfolger sollten uns fragen: Bringt das akribische Sammeln von korrektem Wissen, wie Jesus es fordert, wirklich die von ihm gewünschte Einheit hervor? Oder zeigt sich diese Einheit doch erst, wenn das Wissen in gemeinsames Handeln umgemünzt wird?

Unser Glaubensbruder Volker Blockhaus hat in der 9. Episode seiner Reihe über „Gemeinde–Glaube–Bibel“ gezeigt, dass sich anhand der Verse aus dem Evangelium von Jesus selbst eine deutliche Gewichtung erkennen lässt. Sein Maßstab für die Nachfolge ist praktisch, nicht theoretisch. Wir sind aufgerufen, anderen Menschen zu vergeben (Mt 6,14–15), uns zu Jesus zu bekennen (Mt 10,32), Vertrauen in ihn zu haben (Joh 5,24) und bereit sein, das Kreuz zu tragen (Lk 9,23). Entscheidend ist also nicht theologisches Expertenwissen, sondern unsere Vergebungsbereitschaft, die Bereitschaft zum öffentlichen Bekenntnis, unser Glaube, der auf Vertrauen und Treue beruht und unsere Leidensbereitschaft.