Der Wirklichkeit das Haar zerzausen
Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.
1. Samuel 16,7
In den Tagebüchern von Martin Walser lese ich einen Eintrag aus dem Jahr 1958: „Der Wirklichkeit das Haar zerzausen, um unter ihrer Frisur die Schuppen und die Haarwurzeln zu sehen.“ Man könnte dies als Aufgabe des Dichters deuten, der die sichtbare Ordnung durcheinanderbringt, um das Verborgene freizulegen. Er ist es, der die Welt nicht in ihrer Vordergründigkeit akzeptiert. Unter der glatten Oberfläche macht er das Verborgene sichtbar, indem er das Sichtbare irritiert.
Nicht anders ist es bei Gott. Für ihn ist es nicht entscheidend, dass wir uns nur um unser Outfit kümmern und ständig frisch gekämmt sind. Auch wenn wir jede Woche einen Frisiersalon aufsuchen: Er sieht tiefer und dringt bis in die Haarwurzeln unserer Seele vor. Ihm können wir nichts vormachen, wir brauchen es gar nicht erst versuchen. Deshalb dürfen wir so vor Gott stehen: nicht perfekt frisiert, nicht als makellose Gutmenschen, sondern echt. Mit allem, was sichtbar ist, und allem, was verborgen bleibt.
Gebet
HERR, vor dir müssen wir uns nicht auffrisieren. Du kennst uns durch und durch. Wir brauchen dir nichts vormachen, können sein wie wir sind. Gib uns den Mut, ehrlich hinzusehen auf uns selbst und auf die Menschen um uns, auf das, was verborgen liegt und doch wahr ist. Amen.