Die Sehnsucht des Menschen
Nahe ist der Herr allen, die ihn anrufen, allen, die ihn aufrichtig anrufen.
Psalm 145,18
Von Joseph Freiherr von Eichendorff (1788–1857) stammt eines der schönsten Gedichte, die jemals geschrieben wurden:
Mondnacht
Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
Der Dichter gilt als Vollender der Romantik, die sich mit der menschlichen Sehnsucht beschäftigte. Eichendorff zeigte die vielleicht schlichteste und schönste Form der Sehnsucht, die bei ihm kein Drängen, kein Grübeln und kein ekstatisches Suchen ist. Sie ist ein leises Heimwärts, das in jedem Windhauch, jedem Abendlicht, jedem Lied spürbar wird. Für den tief gläubigen Eichendorff ist Sehnsucht die Gewissheit: Gott ist schon da – und ich darf heimkommen.
Für uns heißt das: Sehnsucht ist kein Fehler, sondern ein Geschenk. Sie zeigt uns, dass wir mehr erwarten dürfen, als die Welt geben kann. Sie macht uns wach für Gottes Stimme. Und sie führt uns heim – nicht erst am Ende, sondern schon jetzt, mitten im Alltag.