Andacht Heute

Wie wir über andere Menschen reden

Du sollst kein falsches Zeugnis reden gegen deinen Nächsten!
2. Mose 20,16

    „‚Du sollst nicht lügen‘ – so haben wir es als Kinder gelernt. Und das stimmt ja auch. Aber als Erwachsene merken wir: Die gefährlichsten Unwahrheiten sind oft nicht die offenen Lügen, sondern die schnellen Urteile, die halben Wahrheiten und die Etiketten, die wir anderen aufkleben.

    Heute leben wir in einer Zeit der starken und schneidenden Worte. In den sozialen Medien, in politischen Debatten und in Alltagsgesprächen begegnen uns Begriffe wie ‚Tagträumer‘, ‚Illusionisten‘, ‚Rassisten‘ oder ‚Faschisten‘. Wenn wir Menschen mit solchen Etiketten belegen, reduzieren wir sie auf eine einzige Eigenschaft. Damit verletzen wir das Gebot, denn wir urteilen über den anderen in einer Weise, die ihm schaden soll, und die in ihrer Pauschalisierung nicht der Wahrheit entspricht.

    Es reicht nicht aus, wenn wir selbst auf verletzende Pauschalbegriffe verzichten. Wir sollten auch aufmerksam zuhören, wenn solche Worte in unserer Umgebung oder in den Medien fallen. Wo Sprache Menschen herabsetzt oder verzeichnet, dürfen wir freundlich, aber klar widersprechen. Christlicher Glaube bedeutet nicht, dass wir allem zustimmen und uns nicht äußern müssen. Die Weisheit der Bibel macht uns aufmerksamer für das, was um uns geschieht, und sprachkritischer. Der Heilige Geist ermutigt uns, für eine Sprache einzutreten, die der Wahrheit verpflichtet ist, die Menschenwürde achtet und für einen friedlichen Austausch geeignet ist.

    Ein befreiender Blickwechsel

    Ihr selbst könnt bezeugen, dass ich sagte: Ich bin nicht der Messias; ich bin nur als sein Wegbereiter vor ihm hergesandt.”
    Johannes 3,28

    Die Anhänger von Johannes dem Täufer waren irritiert, weil Jesus öffentlich aufgetreten war und sich nun viele Menschen von ihm taufen ließen. Johannes wies darauf hin, dass sein Auftrag immer auf Jesus ausgerichtet gewesen war. Sein Dienst hatte sich erfüllt, nun stand Jesus im Mittelpunkt. Er war nur der Vorläufer. Von ihm stammen die Worte: „Er muss immer größer werden und ich immer geringer.”

    Die Jünger des Johannes erlebten, was wir Christen heute auch noch kennen: Man vergleicht. Man misst. Man schaut, wer mehr Zulauf hat, wer mehr Anerkennung bekommt, wessen Dienst „erfolgreicher“ wirkt. Eifersucht entsteht, wenn wir vergessen, dass jede Gabe ein Geschenk und jeder Dienst ein Auftrag ist – und kein Wettbewerb. Johannes zeigt uns einen anderen Weg: Nicht ich bin das Zentrum. Nicht meine Leistung entscheidet über den Wert meines Dienstes. Sondern: Christus allein. Wenn er größer wird, wenn Menschen zu ihm finden und sein Licht heller wird, dann erfüllt sich unser Auftrag – egal, durch wen Gott gerade wirkt. Das nimmt uns den Druck und befreit uns von der Angst, übersehen zu werden, weil andere mehr Glanz ausstrahlen. Es geht nicht um uns. Es geht um Christus. Wir dürfen unseren Dienst mit Freude und Treue tun, ohne um Aufmerksamkeit kämpfen und im Rampenlicht stehen zu müssen.

    Die fromme Helene und das Gesetz der Sünde

    Ich stelle also folgende Gesetzmäßigkeit bei mir fest: So sehr ich das Richtige tun will – was bei mir zustande kommt, ist das Böse. Zwar stimme ich meiner innersten Überzeugung nach dem Gesetz Gottes mit Freude zu, doch in meinem Handeln sehe ich ein anderes Gesetz am Werk. Es steht im Kampf mit dem Gesetz, dem ich innerlich zustimme, und macht mich zu seinem Gefangenen. Darum stehe ich nun unter dem Gesetz der Sünde, und mein Handeln wird von diesem Gesetz bestimmt.
    Römer 7,21-23

    Von Wilhelm Busch stammt der Satz: „Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt.“ Damit drückte der große Humorist einen ähnlichen Gedanken aus, wie ihn Paulus in seinem Römerbrief vorbringt. Das Gute zeigt sich darin, dass man dem Bösen keinen Raum gibt. Busch zeigt mit bitterem Humor, wie schwer dies ist. Seine „fromme Helene” weiß sehr wohl, was gut wäre. Sie kennt Moral, Anstand und Frömmigkeit und möchte richtig handeln. Sie nimmt sich vor, tugendhaft zu leben, verfällt aber immer wieder in ihr altes Laster („Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“). Dies wird ihr schließlich zum Verhängnis. Am Ende der Geschichte ist Helene betrunken, verliert das Gleichgewicht und stürzt in einen gerade angeheizten Ofen. Sie verbrennt.

    Paulus beschreibt im Römerbrief den gleichen Zwiespalt, mit dem der Mensch leben muss: Der „innere Mensch“ freut sich an Gottes Gesetz. Seine „Glieder“ folgen jedoch einem anderen Gesetz, dem „Gesetz der Sünde“. Es hilft ihm keine religiöse Selbstoptimierung, auch wenn er sich immer wieder vornimmt, sich noch mehr anzustrengen und nicht mehr zu sündigen. Aus eigener Kraft wird ihm das niemals gelingen. Die einzige Lösung für ihn liegt in Jesus Christus. Durch ihn wird er nicht befreit, indem die Gebote Gottes abgeschafft werden, sondern indem er aus der Macht der Sünde herausgelöst wird. Wir vermeiden die Gewöhnung an die Sünde nicht, indem wir uns mehr anstrengen, sondern indem wir näher bei Christus bleiben.