Andacht Heute

Was trägt – was ergänzt – was verführt

Schon Henoch, der Nachkomme Adams in siebter Generation, hat ihnen diese Strafe angekündigt: „Passt auf! Der Herr kommt mit Abertausenden, die alle zu ihm gehören, und wird Gericht halten. Er wird all die Gottlosen von ihrer Auflehnung gegen ihn überführen und sie für ihr bösartiges Treiben und ihr gottloses Reden bestrafen.“
Judas 14-15

Es ist oft nützlich, sich mit Namen und Begriffen zu beschäftigen, die so einfach über die Lippen gehen und bei denen vorausgesetzt wird, dass man sie kennt. Wenn jedoch nicht nachgefragt wird, entstehen leicht Missverständnisse. Das heutige Losungswort stammt von Judas. Dieser ist aber keinesfalls der Verräter Jesu, sondern höchstwahrscheinlich sein Halbbruder, der erst nach der Auferstehung zum Glauben gefunden hat. Wenn er, wie in den Versen 14 und 15 aus Hennoch, also aus den Apokryphen zitiert, bedeutet das nicht, dass er einer Irrlehre anhängen würde. Ganz im Gegenteil: Sein kurzer Brief ist eine Warnung vor zerstörerischen Lehren und ein Aufruf zur Treue gegenüber dem überlieferten Glauben.

Im Folgenden findet sich eine kurze, nützliche Abgrenzung der einzelnen Begriffe: Apokryphen sind religiöse Schriften aus biblischer Zeit, die nicht im Kanon stehen. Der Kanon ist die verbindliche Sammlung von Schriften, die eine Glaubensgemeinschaft als maßgebliche Heilige Schrift anerkennt. Die Bücher Tobit, Judit, Weisheit Salomos, Jesus Sirach und Makkabäer werden von den Protestanten als Apokryphen bezeichnet, von den Katholiken und Orthodoxen jedoch nicht. Auch für Protestanten sind die Apokryphen nützlich und lehrreich, aber nicht kanonisch, das heißt nicht auf derselben Stufe wie die übrigen biblischen Bücher. Katholiken hingegen halten sie für gleichwertig und verwenden sie auch liturgisch. Es ist sicher falsch zu behaupten, in den Apokryphen würden Irrlehren stehen. Auch Luther wirft ihnen dies nicht vor. Er lobt sie sogar ausdrücklich als „gut und nützlich zu lesen”. Kritik kommt aber fast ausschließlich aus der protestantischen Tradition. Sie richtet sich nicht gegen die Inhalte, sondern gegen den Kanonstatus. Dabei wird nicht der Inhalt, sondern die fehlende hebräische Textgrundlage, die späte Entstehung und das Fehlen eines allgemein anerkannten Rangs als Heilige Schrift kritisiert.

Am Ende bleibt uns die Einladung, wach und zugleich milde zu bleiben. Wach – damit wir unterscheiden können, was unseren Glauben trägt, was ihn ergänzt und was ihn in die Irre führen könnte. Und milde – damit wir einander nicht mit schnellen Etiketten überziehen. Begriffe wie Kanon, Apokryphen oder Irrlehre sind keine Waffen, sondern Werkzeuge zur Klärung. Sie helfen uns, das Evangelium klarer zu sehen, nicht einander zu verletzen.

Der Abschied Jesu

Doch glaubt mir: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht von euch wegginge, käme der Helfer nicht zu euch; wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.
Johannes 16,7

Für die Jünger muss es ein Schock gewesen sein. Jesus war noch in ihrer Mitte, da sagte er, es wäre gut für sie, wenn er wegginge. Wie konnte das gut für sie sein, wo sie doch so gerne in seiner Nähe waren, seine Stimme hörten und den Weg gemeinsam mit ihm gehen konnten?

Um den Sinn dieses Abschieds zu erkennen, muss man keine geistige Hochakrobatik bemühen. Seine leibliche Gegenwart war nun einmal begrenzt. Er konnte nicht für alle Zeiten als Mensch gegenwärtig sein. Seine geistliche Gegenwart ist dagegen grenzenlos, weil er so zu allen kommt. Für die Jünger eröffnete sich dadurch ein Raum für ihre Reifung. Aus „Jesus macht alles“ wurde „Christus lebt in uns“. So wurden sie mithilfe des Heiligen Geistes zu mutigen Zeugen. Dieser machte die Gegenwart Jesu universell. Leiblich hätte er nur an einem Ort wirken können, doch durch den Helfer, den er schickte, konnte er überall zugegen sein. Wir sehen: Was nun folgte, war keine Ersatzlösung im Sinne eines Plan B – Jesus geht, dafür schickt er einen Helfer –, sondern die Vollendung des ganzen Auftrags. Seitdem ist der Heilige Geist bei uns und damit Gottes Gegenwart in uns. Seine Stimme ist da und seine Kraft hilft uns in unserer Schwäche im Alltag.

Gebet
Herr Jesus, du bist gegangen, damit wir dir näher kommen können. Sende deinen Geist in unsere Herzen. Mach uns zu Menschen, die aus deiner Kraft leben und deine Gegenwart in die Welt tragen.

Echte Freiheit

Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.
Johannes 8,36

Es gibt Worte Jesu, die uns sofort aufatmen lassen. Und es gibt Worte, die wir falsch verstehen können. Das Wort von der „Befreiung von der Macht der Sünde“ gehört zu beiden Kategorien. Es könnte nämlich auch so bei uns ankommen: „Jetzt musst du aber frei leben.“ Oder: „Jetzt musst du zeigen, dass du ein richtiger Christ bist.“ In dieser moralisierenden Form bauen wir uns aus der Befreiung einen neuen Druck auf. Das Wort von der Befreiung wird moralistisch, wenn wir es als Auftrag statt als Geschenk hören. Doch Jesus meint etwas völlig anderes. Er spricht nicht von einer Freiheit, die wir uns erarbeiten, sondern von einer Freiheit, die wir empfangen. Der Moralist sagt: „Du wirst frei, indem du dich anstrengst.“ Das Evangelium sagt: „Du bist frei, weil Christus dich trägt.“ Und diese Freiheit zeigt sich nicht in neuen Regeln und in Selbstverbesserung, sondern in der Nähe Gottes. So kommen wir aus dem Dunkeln ins Licht, und wir werden beschenkt mit Klarheit, Wahrheit und Orientierung.

Gebet
Herr Jesus, du siehst, wo ich noch gefangen bin in alten Mustern und dem Drang, mich selbst retten zu wollen. Lass mich im Licht leben, in deiner Nähe. Mach mich frei – wirklich frei.