Andacht Heute

Gegen die Verdunkelung

„Habt nichts gemein mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.“
Epheser 5,11

Wenn man das Programm mancher Kirchentage liest, (als aktuelles Beispiel: Der Katholische Kirchentag in Würzburg) könnte man meinen, die Kirche sei vor allem ein politischer Akteur. Klimaschutz, Kampf gegen den Extremismus und Populismus, Stärkung der Demokratie und andere Themen der Zeit dominieren. Doch wo die Kirche sich in politischen Forderungen verliert, verliert sie ihre geistliche Mitte. Sie wird zur NGO mit Kreuz, aber ohne Kreuzesbotschaft.

Wir leben in einer Zeit, in der vieles, was einmal klar war, verschwimmt. Worte verlieren ihre Bedeutung, Grenzen werden relativiert, und selbst der Glaube an Gott wird oft behandelt, als sei es nur eine Option unter vielen. Diese Entwicklung geschieht selten laut. Sie kommt leise, schleichend, fast unmerklich – und gerade darin liegt ihre Gefahr. Der katholische Theologe Prof. Dr. Dr. Ralph Weimann hat es in einem Vortrag „Der Antichrist – Verdunkelung des Heiligen“ eindrücklich benannt: Das Wirken des Bösen ist heute nicht spektakulär, nicht dramatisch, nicht offensichtlich. Es tritt nicht mit Gewalt auf, sondern mit Täuschung. Es arbeitet mit Verwirrung der Begriffe, mit der Verfälschung des Guten, mit einer scheinbaren Harmlosigkeit, die gerade deshalb so wirksam ist. Es erscheint – wie die Schrift sagt – „wie ein Engel des Lichts“.

Und auch die Kirchen sind davor nicht geschützt. Wenn sie sich zu sehr dem Zeitgeist anpassen, wenn aus Angst vor Ablehnung die Wahrheit verschwiegen wird, dann öffnen sie selbst die Türen für diese Verdunkelung. Das klare Benennen dieser Gefahr ist kein Pessimismus. Es ist ein Akt der Hoffnung. Denn nur, was ans Licht kommt, kann geheilt werden. Christus selbst sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Nicht wir müssen das Licht erzeugen – aber wir müssen die Schleier erkennen, die es verdunkeln.

Demut statt Generationskritik

Ebenso ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter; ihr alle sollt euch gegenseitig unterordnen und mit Demut bekleiden! Denn „Gott widersteht den Hochmütigen; den Demütigen aber gibt er Gnade“.
1. Petrus 5,5

    Ältere Menschen könnten solche Verse mit einer gewissen Genugtuung lesen. Endlich werden darin auch einmal die Jüngeren ermahnt, das Alter zu ehren. Die Kritik am Verhalten der Jüngeren ist nicht neu. Schon Sokrates (470–399 v. Chr.) sprach dieses Übel an: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

    In 1. Petrus 5,5 geht es jedoch nicht um „Jugendliche”, sondern um Menschen ohne Leitungsfunktion und mit weniger Erfahrung. Mit Alter hat das also nichts zu tun. Es geht vielmehr um Gemeindeordnung, die es gilt aufrecht zu halten. Aber gleich im Folgenden wird diese Aufforderung eingeschränkt: Alle sollen miteinander Demut walten lassen. Keiner sollte seine Autorität missbrauchen, um sich über andere zu erheben – auch die Ältesten nicht. Es geht nicht darum, immer Recht zu behalten. Die Ordnung in den christlichen Gemeinschaften sollte bewahrt werden, aber nicht um jeden Preis. Wer zu bestimmen hat, sollte dies tun dürfen, ohne gleich bei Meinungsunterschieden von Leuten, die keine Verantwortung tragen müssen, angegriffen zu werden. Wichtig ist jedoch, dass gerade in schwierigen Fällen Entscheidungen nicht einfach angeordnet, sondern auch begründet werden. Selbstherrliches, hochmütiges Verhalten fordert Rebellion heraus. Demut, vor allem gegenüber dem Willen Gottes, ist für uns alle geboten.

    Frisches Brot für den Glauben

    Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.
    Epheser 4,29

    Der Nürnberger Barockdichter Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658) schrieb über die literarische Arbeit: „Ein löblicher Poet schreibt stets solche Gedichte, die zu Gottes Ehre beitragen, große Herren und Gelehrte unterhalten, Unverständigen Belehrung bieten, Verständigen zum Nachsinnen anregen, Einfältigen lehren, Betrübte trösten und Fröhlichen Freude bereiten.“

    Wenn man Harsdörffers Satz liest, merkt man, dass für ihn ein Dichter jemand ist, dessen Worte nützen: Sie sollen Gott ehren, Menschen bilden, trösten und erfreuen – nie bloß glänzen, sondern dienen. Wir sehen, dass dies auch für uns Christen gelten sollte. Wir alle sprechen täglich Worte – in der Familie, am Telefon, im Beruf, in der Gemeinde. Und jedes dieser Worte hat eine Wirkung. Sie können aufrichten oder verletzen, Frieden stiften oder Unruhe säen, trösten oder verunsichern.

    Im Vers Epheser 4,29 steht im griechischen Urtext sapros, was mit modrig, ungesund, zersetzend zu übersetzen ist. Wenn es für die Beschreibung von Worten verwendet wird, dann wird daraus „faules Geschwätz“. Solche Worte nähren nicht, sondern schwächen eher den Glauben. Wie schimmelndes Brot, können solche eher krank machen. Das Nahrhafte ist dagegen gut, nützlich und tragfähig. Solche Worte bauen auf, sind notwendig und schenken Gnade.

    Gebet
    Herr, bewahre uns vor modrigen Worten. Mach unsere Sprache frisch wie Brot, das nährt. Lass uns einander nicht das geben, was krank macht, sondern das, was stärkt, trägt und heilt. Amen.